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Eine Pause gibt es selbst beim Zügeln nicht

25. Juni 2020
Der Rettungsdienst ist neuer Nachbar der Stadtverwaltung. Am Montag ist die Crew ins sanierte alte Feuerwehrdepot gezogen.

Umzüge sind mühsam, umtriebig und vor allem anstrengend – das trifft bereits zu, wenn man als Privatperson die Wohnung wechselt. Eine regelrechte logistische Meisterleistung ist es aber, einen ganzen Betrieb zu zügeln und diesen gleichzeitig aufrecht zu erhalten. Gelungen ist das dem Rettungsdienst Spital Thurgau, der seine Amriswiler Basis am Montagmorgen vom Feuerwehrstützpunkt an der Kreuzlingerstrasse ins sanierte ehemalige Feuerwehrdepot an der Arbonerstrasse verlegt hat. «Im betrieblichen Ablauf darf man nichts davon mitbekommen, wir müssen natürlich auch während des Umzugs abrufbereit sein», sagt Jürgen Häberli, Rettungssanitäter und Standortleiter Amriswil und Münsterlingen. 

Grösste Herausforderung: Die Planung
Etwas bemerkt hat tatsächlich niemand, nicht einmal die Sanitätsnotrufzentrale, die das diensthabende Team bereits am Morgen zu einem Einsatz aufgeboten hat. Um 8.29 Uhr rückten die beiden Rettungssanitäter aus zu einem medizinischen Notfall in einer Hausarztpraxis, während die Kollegen weiter Kisten schleppten. «Den Umzug so zu planen, dass der Betrieb reibungslos weiterläuft, war wohl die grösste Herausforderung der letzten Wochen», sagt Häberli. Deshalb sei ein Teil des Materials bereits am Wochenende an die Arbonerstrasse verlegt worden, um für Einsätze gewappnet zu sein.

Eingerichtet war das Team, das aus insgesamt 26 Männern und Frauen besteht, bereits am Montagvormittag. Zumindest fast. Denn das spezielle Regalsystem der Firma Lista wurde aufgrund coronabedingter Kurzarbeit nicht rechtzeitig fertiggestellt und geliefert. «Das ist aber kein Problem; kurzzeitig werden unsere Materialien – von Elektroden des Defibrillators bis hin zu unseren Handschuhen – anders gelagert», sagt Häberli. «Ohnehin müssen wir jetzt damit beginnen, uns hier einzuleben. Dann merkt man rasch, wo es einrichtungstechnisch noch Verbesserungspotenzial gibt.»

Inzwischen komplett möbliert sind die Wohnung und die Büros im Obergeschoss. Hier verbringen die diensthabenden Teams künftig die Zeit zwischen den Einsätzen – natürlich auch in der Nacht. Der helle Wohnbereich ist denn auch einer der grössten Vorteile des neuen Standorts. Denn bis anhin war der private Raum begrenzt: Beim Feuerwehrstützpunkt an der Kreuzlingerstrasse hielt sich die Crew in einem eher knapp bemessenen Container-Provisorium auf.

Baustellenverkehr kam in die Quere
Unzufrieden war der Rettungsdienst mit der Übergangslösung aber keinesfalls – der Standort und die Nähe zur Feuerwehr, die oftmals gleichzeitig ausrückt wie der Rettungsdienst, waren von Vorteil. Exakt zwei Jahre wirkte die Basis Amriswil von der Kreuzlingerstrasse aus; davor war sie an der Rütistrasse beheimatet, wo sie die Infrastruktur mit der REA teilte. Ungünstig wurde die Situation mit Beginn des Migros-Neubaus: «Der Baustellenverkehr kam uns in die Quere und gefährdete die Einhaltung unserer Einsatzzeit von maximal 15 Minuten», erklärt Jürgen Häberli. Eine schnelle Lösung musste her, weshalb die Stadt den Rettungsdiensten das Provisorium arrangierte.

Nun, am dritten Standort innert weniger Jahre, ist Häberli mehr als zufrieden: «Wir sind an der Hauptverkehrsachse Richtung Romanshorn, Arbon und Weinfelden – und auch die Kreiseleinfahrt ist für uns ideal.» Für die Unterstützung der Stadt sei der Rettungsdienst dankbar: «Wir schätzen sowohl die gute Zusammenarbeit mit dem Stadtrat als auch den Zuspruch der Bevölkerung, die der Sanierung des alten Feuerwehrdepots vor knapp drei Jahren zugestimmt hat.»

 

Die neue Basis des Amriswiler Blaulichts

Ob Garderobe, Garage, Hygiene- oder Ruheraum: Das alte Feuerwehrdepot wurde ganz den Bedürfnissen der neuen Mieter angepasst.

Das Horn bekommt die Stadtverwaltung in den nächsten Jahren wohl öfter zu hören, das Blaulicht öfter zu sehen. Die Rettungsdienste haben am Montag ihre Amriswiler Basis ins einstige Feuerwehrdepot verlegt, das durch den Annex-Bau mit dem Stadthaus verbunden ist. Der Sanierung hat die Bevölkerung im Rahmen der Abstimmung über den Abbruch der ehemaligen Einstellhalle und die Erweiterung des Stadthauses im September 2017 zugestimmt. Nachdem der Erweiterungsbau durch die Bauverwaltung und die Sozialen Dienste bereits im Mai bezogen werden konnte, waren diese Woche die Rettungsdienste an der Reihe.

Die Räumlichkeiten bestehen aus einer Garage für die beiden Rettungsfahrzeuge, von wo aus es auch direkte Zugänge zu jeweils zwei geräumigen Garderoben, einem Hygieneraum und einem Büro gibt. In speziellen Regalsystemen sollen in der Garage demnächst auch sämtliche Materialien lagern, die das 26-köpfige Team für die tägliche Arbeit benötigt. Ein weiterer Bestandteil der Basis bildet das Obergeschoss: Es ist die Wohnung der jeweiligen diensthabenden Rettungssanitäterinnen und -sanitäter, ausgestattet mit Küche, Badezimmer, Wohnzimmer, Essbereich, Ruheräumen und Büro. 

Am meisten Einsätze im ganzen Kanton
Die Basis in Amriswil ist von insgesamt fünf im Kanton Thurgau jene mit den meisten Einsätzen pro Jahr: 2377 waren es 2019, dicht gefolgt von Frauenfeld mit 2178 und Weinfelden mit 1390 Einsätzen. Von Amriswil aus erstreckt sich das Einzugsgebiet bis nach Horn, bis nach Hauptwil und sogar nach Muolen, zumal die St. Galler Rettungsdienste weniger nahe stationiert sind. Gemäss Interverband für Rettungswesen ist der Rettungsdienst verpflichtet, Ziele in rund 90 Prozent der Fälle in weniger als 15 Minuten zu erreichen. Dem Amriswiler Team gelingt das laut Standortleiter Jürgen Häberli sogar in 97 Prozent aller Fälle: «Amriswil ist mit seiner Verkehrsanbindung als Standort auch deshalb sensationell.» (seh)

Frisch umgezogen (von Links): Rettungssanitäterin Mirjam Dütsch, Standortleiter Jürgen Häberli und Rettungssanitäter Torsten Bleier.
Frisch umgezogen (von Links): Rettungssanitäterin Mirjam Dütsch, Standortleiter Jürgen Häberli und Rettungssanitäter Torsten Bleier. (Bild: Seraina Hess)