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Martin Salvisberg: "Es war eine Lebensschule"

24. Mai 2019
Seine Agenda ist zum Bersten voll – auch jetzt noch in den letzten Tagen als Amriswiler Stadtpräsident. Am 31. Mai tritt Martin Salvisberg (SVP) ab. Im Interview blickt der 65-Jährige auf seine zehnjährige Amtszeit zurück und verrät, was es braucht, um ihn aus der Fassung zu bringen. Seinem Nachfolger Gabriel Macedo (FDP) und dem künftigen Stadtrat wünscht er einen «vorwärts treibenden Wind».

Mit welchen Gefühlen blicken Sie dem 31. Mai entgegen, Herr Salvisberg?
Martin Salvisberg: Ich bin gespannt auf den dritten Lebensabschnitt, aber auch stolz auf Amriswil und darauf, was wir in den letzten Jahren gemeinsam erreicht haben.

Worauf freuen Sie sich besonders?
Salvisberg: Auf mehr Zeit mit der Familie und den Enkeln und darauf, nicht mehr so stark fremd bestimmt zu sein.

Wie meinen Sie das?
Salvisberg: Die Fremdbestimmung hat mich zwar während meiner Amtszeit nie gestört – schliesslich wusste ich bei meiner Wahl zum Stadtammann worauf ich mich einlasse. Und doch ist das ständige Bestreben, den Versprechen an die Wählerinnen und Wähler gerecht zu werden, auch eine gewisse Last. Hinzu kamen die vielen fremdbestimmten Termine. Diese Last fällt nun weg und darauf freue ich mich.

Was werden Sie vermissen?
Salvisberg: Die vielen, vielen schönen Kontakte mit der Bevölkerung und die wunderbaren Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Stadt Amriswil, mit denen ich immer offen und unkompliziert umgehen durfte.
Und natürlich den Stadtrat. Da wurde immer sehr sachlich diskutiert und die Entscheidungen wurden miteinander getragen. Bei über 300 Stadtratssitzungen und über 4000 Traktanden suchten wir immer nach konstruktiven Lösungen.

Was waren für Sie die Höhepunkte Ihrer Amtszeit?
Salvisberg: Ich bin ein Mensch, der im Team immer wieder nach Verbesserungen in der städtischen Infrastruktur sucht und in den vergangenen zehn Jahren konnten wir gemeinsam mit verschiedensten Beteiligten so einiges an Infrastruktur verbessern. Ich denke da an das APZ, den Umbau der Bahnhofstrasse, die Mitgestaltung der neuen Migros, den Neubau des Geschäftshauses am alten Manor-Standort, die Verselbständigung der Technischen Betriebe Amriswil (TBA) zur Regio Energie Amriswil (REA), die neue Sporthalle oder die Verkehrsführungen, um nur einige Beispiele zu nennen. Eben erst begonnen hat der Erweiterungsbau des Stadthauses, auf den sich die Mitarbeiter der Stadt ebenso wie die Kundschaft freuen dürfen.
Auch bei den Zweckverbänden gab es erfreuliche Verbesserungen. So bei der Regionalen Schiessanlage Almensberg, wo die Trefferanzeigeanlage und der Scheibenstand den aktuellen Bedürfnissen angepasst worden sind. Oder beim Abwasserverband Aachtal, der dank einer Pilotanlage von nationaler Tragweite zur Elimination von Mikroverunreini-
gungen führend unterwegs ist.

Und worauf hätten Sie gut verzichten können?
Salvisberg: Eigentlich auf nichts, denn wo Entscheide gefällt werden, sind auch immer wieder Kritiker unterwegs und ich habe Kritik immer sehr ernst genommen. Denn: Nicht alle Kritiken waren falsch, wir konnten im Statdrat auch immer wieder davon lernen… Überhaupt war die Zeit als Amriswiler Stadtpräsident für mich eine Lebensschule.

Man erlebte Sie in den vergangenen zehn Jahren eigentlich nie wütend oder aufgebracht. Was braucht es, um einen Martin Salvisberg auf die Palme zu bringen?
Salvisberg (schmunzelt): Es gab in meiner Amtszeit schon solche Momente. Einer war, als ganz wichtige Leute des Kantons bei uns im Stadtrat zu Besuch waren und uns die neue Li-
nienführung der Bodensee-Thur-tal-Strasse (BTS) bekanntgaben. Da drehte ich wirklich im roten Bereich und meine Stadtratskollegen mussten mich zurückhalten. Ich bin ja ein bekennender Befürworter der Schnellstrasse, doch kann ich als ehemaliger Landwirt schwer nachvollziehen, wenn die Erhaltung eines schönen Landwirtschaftsbetriebs dem Kanton weniger wert ist als beispielsweise ein kleines Stück Wald.

Inwiefern hat sich der Job des Amriswiler Stadt-Oberhaupts seit Ihrem Amtsantritt vor zehn Jahren verändert – abgesehen davon, dass aus dem «Stadt-ammann» in der Zwischenzeit der «Stadtpräsident» geworden ist?
Salvisberg: Ich stelle fest, dass in den baulichen Bewilligungsverfahren die Regulationsdichte von Jahr zu Jahr zugenommen hat. Der Zwang zur totalen rechtlichen Korrektheit lässt die administrativen Abläufe aufwendiger und zeitlich viel länger dauern als noch vor zehn Jahren.

Geben Sie per 31. Mai eigentlich alle Ihre Aufgaben für die Stadt und die Region ab oder gibt es Bereiche, die Sie noch weiterbetreuen?
Salvisberg: Ich bleibe nach meinem Austritt aus dem Stadthaus noch für ein Jahr Präsident der Autokurse Oberthurgau AOT und betrachte mein bisheriges Amt als Kantonsrat für unsere Region als sehr bedeutend und werde weiterhin mein Bestes geben.

Sie sind eine sehr aktive Person: Ist es denkbar, dass Sie trotz erreichten Pensionsalters andere berufliche Tätigkeiten oder Ämter übernehmen?
Salvisberg: Diese Frage stellt sich im Moment für meine Frau und mich nicht, denn wir wollen zuerst gemeinsam herausfinden, wie sich das Pensioniertenleben so anfühlt…

Haben Sie Angst vor der Pensionierung?
Salvisberg (schmunzelt): Das werde ich in diesen Tagen immer wieder gefragt. Es ist ja nett, wenn sich die Leute Sorgen um mich machen, aber ich mache mir diese Gedanken nicht!

Sie sind – wie erwähnt – weiterhin im Kantonsrat vertreten. Kandidieren Sie 2020 für eine weitere Amtsdauer?
Salvisberg: Ja, ich würde mich sehr gerne für unseren Oberthurgau und speziell für Amriswil nochmals eine Legislatur lang engagieren.

Wie und in welchem Zustand übergeben Sie die Stadt Amriswil an Ihren Nachfolger Gabriel Macedo?
Salvisberg: Amriswil musste sich ja etwas verschulden, um die heutige tolle Infrastruktur zu erlangen. Auf den «Umbau» von Amriswil dürfte nun eine Konsolidierungsphase folgen. 
Die Amtsübergabe läuft in der Politik anders ab als in der Wirtschaft. Eine eigentliche Einarbeitung durch den Vorgänger gibt es hier nicht. Natürlich haben Treffen stattgefunden, insbesondere auch zwischen Gabriel Macedo und Stadtschreiber Roland Huser. Doch die Dossiers sind vorhanden und dem Stadtrat bekannt, so dass mein Nachfolger nicht auf sich allein gestellt ist.

Welche grösseren Herausforderungen kommen auf Macedo in den nächsten Monaten zu und was geben Sie ihm für einen Rat mit auf den Weg?
Salvisberg: Wenn mein Rat gefragt ist, gebe ich diesen bilateral gerne ab. Eines steht aber fest: In der Öffentlichkeit werde ich mich künftig nicht mehr in das politische Geschehen in Amriswil einmischen.
Zur Zeit berät der Stadtrat die Ressortverteilung für die nächsten vier Jahre. Ich hoffe und bin der festen Überzeugung, dass auch das neu zusammengesetzte Gremium unter neuer Führung immer wieder die Windrichtung und das anzusteuernde Ziel neu beurteilen muss, damit es jeweils das richtige Segel aufzieht...
Ich wünsche dem neuen Team viel Glück in den Entscheidungen und einen in die richtige Richtung, vorwärts treibenden Wind!

Martin Salvisberg