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Süsser die Glocken nie klingen

18. Februar 2021
Die Kirchenuhr und die Glocken mitsamt Klöppeln der evangelischen Kirche Amriswil müssen saniert werden. So soll die Lebzeit der fünf Glocken
verlängert werden und deren Klang noch schöner ertönen.

Die Uhr tickt, die Glocken läuten – aber wie funktioniert das Zusammenspiel von Kirchglocken und Kirchenuhr eigentlich? Haben Sie gewusst, dass die Mesmerin bestimmen kann, welche Glocke wie viele Male läutet? Dass jede der fünf Glocken auf einen Ton gestimmt ist? Oder dass alle Glocken zusammen insgesamt mehr als zehn Tonnen wiegen? 

Wenn der Stundenschlag stört
1892 wurde die Kirche eingeweiht. Kosten für den Bau: gut 300‘000 Franken. Damals wurden vier Glocken in den Glockenstuhl gehängt. Ein sogenanntes As-Dur-Geläute. Die fünfte Glocke kam 1962 als Friedensglocke dazu. Gute 20 Jahre später folgte eine Revision mit neuen Klöppeln und einem neuen Klöppelgehänge. Jetzt steht die evangelische Kirchgemeinde erneut vor einer Sanierung und budgetiert 2021 und 2022 dafür total 200'000 Franken. Am 7. März wird über 72'500 Franken für die ersten Phase abgestimmt. Konkret geht es um den Ersatz der Glockenautomation und um die Automation der Turmuhr, sowie den Austausch der Elektroinstallation. Im folgenden Jahr ist die Sanierung des Glockenstuhls, der Glockenaufhängungen und der Klöppel vorgesehen. Notwendig sei die Sanierung auf jeden Fall, erklärt Otto Seger, Vizepräsident der evang. Kirchgemeinde und Verantwortlicher der Liegenschaften. Denn damit werde die Lebensdauer der Glocken wesentlich verlängert. Um diese zu ersetzen, müsste mit viel Aufwand der Kirchturm frontal geöffnet werden. Erneuert werden während der geplanten Sanierung nicht nur die Klöppel, sondern auch die Steuerungen. Stand heute ist es nicht möglich, auf die Stundenschläge direkt Einfluss zu nehmen. Manuell kann Mesmerin Eliane Grossen die Geläute jedoch bei Gottesdiensten, Hochzeiten oder Abdankungen auslösen. Problem: Wenn die Abdankung um 14 Uhr stattfindet, sie das Geläute nach dem Stundenschlag startet und es um viertel nach noch nicht fertig ist, schlägt der Viertelstundenschlag ins Geläute. Denn anders als bei feierlichen Geläuten ertönen die Stundenschläge nicht durch den Schwung der Glocken, sondern durch einen Hammer, der auf die Glocke schlägt. Daher auch die Aussage «Es hat 12 geschlagen». 

Was bei der Sanierung beibehalten wird, ist die Mechanik. Am Uhrwerk selber wird also nichts geändert. Steuerungen und Schlagwerk aber entsprechen laut Seger nicht mehr den Normen und Vorschriften und müssen ersetzt werden. Nur so kann die Betriebs- und Personensicherheit gewährleistet werden. 

Unkontrollierte Dynamik stoppen
Ziel der Sanierung: Die Belastung der Klöppelschläge auf die Glocken optimieren. Auch aus Rücksicht auf die Gebäude- und Glockensubstanz. Bis jetzt schwingt die Glocke beim Geläute und der Klöppel folgt ihr. Allerdings nicht harmonisch, sondern in einer unkontrollierten Dynamik. Der Klöppel trifft irgendwann auf die Glocke, wird gebremst, schwingt in sich selber und geht wieder zurück. Der Anschlag kann also nicht koordiniert werden. So entstehen unheimliche dynamische Kräfte, die völlig gegeneinander wirken. Neu sollen Motoren zum Einsatz kommen, welche die Glocken antreiben und somit ihren Schwung kontrollieren. Dadurch kann gewährt werden, dass der Klöppel im richtigen Moment auf die Glocke trifft. So wird das ganze Geläut harmonisiert, was auch im Klang hörbar sein wird. Das Glockenspiel wird klarer, das zeitweilige Scheppern wird aufhören. «Es kann vorkommen, dass Hunde auf die hochfrequentierten Schwingungen im Geläut reagieren», so Grossen. 

Leichtere Klöppel schützen die Glocken
Nebst der Schwingungslagerung der Glockenjoche, werden auch die Klöppel ersetzt. Wiegen diese heute noch vier Prozent des Gewichts der Glocke, in welcher sie wirken, werden die neuen Klöppel nur noch rund 2,5 Prozent wiegen. Durch das jetzige Gewicht und den grossen Kopf, der an die Glocke schlägt, entstehen im Klöppel selber Schwingungen, die Hochfrequenz-Töne auslösen. Jene Töne, die eben Kinder und Hunde hören können, Erwachsene aber kaum wahrnehmen. Eine weitere Möglichkeit den Verschleiss der Glocken zu reduzieren wäre deren Drehung um einen Viertel. So würden die Aufschlagstellen der Klöppel geändert. Dies sei im Rahmen der Sanierung aber nicht geplant, so Seger.

Auf Stundenschläge muss verzichtet werden
Gewartet werden Uhr und Glocken einmal im Jahr. Eine Sanierung wie diese ist etwa alle 50 Jahre nötig. Ausgeführt werden soll die mechanische Sanierung 2022 und dauert geplant etwa zwei bis drei Monate. In dieser Zeit wird es aber nicht einfach still sein. Weil nicht alle Klöppel gleichzeitig ausgewechselt werden, ertönen die anderen Glocken weiterhin. So wird das Geläute nicht genauso ertönen wie gewohnt, aber immerhin wird nicht ganz darauf verzichtet werden müssen. «Dass man das aber als Kirchbesucher hört, muss man schon ganz genau hinhören», erklärt Grossen. Was aber teilweise ausfallen wird, sind laut Seger die Stundenschläge.  

 

Die fünf Glocken
Glocke 1: 4992 Kilo, auf den Ton A gestimmt, 1892 eingeweiht, 194 Zentimeter Durchmesser.
Glocke 2: 2326 Kilo, auf den Ton cis gestimmt, 1892 eingeweiht, 154 Zentimeter Durchmesser.
Glocke 3: 1360 Kilo, auf den Ton e gestimmt, 1892 eingeweiht, 125 Zentimeter Durchmesser.
Glocke 4 (Friedensglocke): 925 Kilo, auf den Ton fis gestimmt, 1962 eingeweiht, 113 Zentimeter Durchmesser. 
Glocke 5: 581 Kilo, auf den Ton a gestimmt, 1892 eingeweiht, 95 Zentimeter Durchmesser.

Mesmerin Eliane Grossen und Otto Seger von der evangelischen Kirchgemeinde Amriswil erklären das Uhrwerk der Kirchenuhr.
Mesmerin Eliane Grossen und Otto Seger von der evangelischen Kirchgemeinde Amriswil erklären das Uhrwerk der Kirchenuhr. (Bild: tas)