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19. November 2020
Coiffeur René Schär sorgt seit 40 Jahren für gute Frisuren und die Verbreitung der neuesten Geschehnisse in der Stadt.

Eigentlich wollte er immer Koch werden. Als René Schär nach der zweiten Sekundarschule aber nicht mehr in die Schule wollte und ihn sein Vater auf eine ausgeschriebene Lehrstelle als Friseur aufmerksam machte, versuchte er eben dies. «Heute kann ich sagen, dass es genau das Richtige gewesen ist», so Schär. Also absolvierte er die Ausbildung zum Herrenfriseur bei Otto Hämmerli an der Bahnhofstrasse 17. Ein strenger, aber sehr guter Lehrmeister, wie Schär sagt. Noch während seiner Ausbildung ist seine Familie aufgrund der beruflichen Situation seines Vaters nach Zürich gezogen. Er folgte ihnen nach Lehrabschluss und fand dort seine erste Festanstellung in einem Friseursalon, den er nach der Pensionierung der Besitzer hätte übernehmen können. Ein grosses Geschäft mit acht Mitarbeitern. Vielleicht hätte er das getan, wäre nicht genau zu diesem Zeitpunkt das Telefon gekommen, dass Otto Hämmerli mit gerade mal 60 Jahren friedlich entschlief und man nun auf der Suche nach einem Nachfolger für den Salon sei. Also reiste Schär mit seinem damaligen Chef zurück nach Amriswil, um sich ein Bild seines Lehrbetriebes zu machen. «Und mein Chef war es auch, der mich dann überzeugte, dass dieses kleinere Geschäft mitten im Dorf, wo man mich kannte, besser zu mir passt, als das grosse Geschäft in Zürich», erzählt Schär. Dann ging alles Schlag auf Schlag. Innerhalb von drei Wochen verliess er seinen Arbeitgeber und kehrte zurück nach Amriswil, wo er feststellte, dass Hämmerli in dem kleinen Salon drei Lehrlinge beschäftigte, Schär aber keine Berechtigung hatte, diese weiter auszubilden. Wie es nun mal so ist: besondere Situationen erfordern besondere Massnahmen. So hat der Kanton Schär die Bewilligung erteilt, die drei Lehrlinge unter der Voraussetzung zu behalten, dass er so schnell als möglich die Meisterprüfung absolviert. Nach der eineinhalbjährigen Ausbildung hat Schär in seinem Salon an der Bahnhofstrasse während 39 Jahren Lehrlinge ausgebildet. Und das äusserst erfolgreich. Nie ist einer seiner Auszubildenden bei den Prüfungen durchgefallen. Während 25 Jahren nahm er als  Lehrabschlussexperte auch selber Prüfungen ab. 

Der letzte Rest der Amriswiler Aristokratie
Während der Zeit in Zürich habe er mehr in der Anonymität gelebt, erzählt Schär. Sich dann in Amriswil wieder umzugewöhnen, sei anfangs nicht leicht gewesen. «Plötzlich kennt dich wieder jeder und jeder weiss alles von jedem.» Und, was auch etwas Umgewöhnungszeit bedarf, war der letzte Rest der Amriswiler Aristokratie, die sich in Hämmerlis Salon traf. «Er war einer der letzten Top-Herrencoiffeure im Dorf. Alles was Rang und Namen hatte, liess sich hier die Haare machen.» Da ging die Tür auf und man grüsste den Herrn Gemeindeschreiber, den Herrn Doktor, den Herrn Anwalt. «Und diese Kunden meinten anfangs, das Geschäft laufe unter meiner Obhut genau so weiter wie bei Herrn Hämmerli. Aber die Kunden am Sonntagmorgen zu Hause zu rasieren, weil sie nachmittags noch Besuch empfangen, war nicht meine Absicht», so Schär. Es dauerte seine Zeit, bis die Kunden verstanden haben, dass mit einem neuen Geschäftsführer nun auch ein etwas frischer Wind weht. 

Und plötzlich war es zu viel
Nach vier Jahren zurück in Amriswil, lernte Schär seine heutige Frau kennen. «Nebst dem Geschäft war dies der grösste Segen», schwärmt er. Bald folgte die Hochzeit und noch während der Flitterwochen restaurierte Schär sein Lokal. So habe man gearbeitet, Lehrlinge ausgebildet, unterdessen bereichern vier Töchter die Ehe und es lief gut. Bis es irgendwann zu gut lief, Schär sich zu viel aufbürdete und nebenberuflich in Vereinen, Behörden, Kommissionen und Verbänden immer aktiver wurde. Es folgte ein Burnout und mehrere Wochen Klinikaufenthalt. Doch selbst in dieser Situation sieht er etwas Positives: «Es war unglaublich, aber innerhalb kürzester Zeit hat sich eine ehemalige Lehrtochter von mir bereit erklärt, das Geschäft während meiner Abwesenheit zu führen, obwohl sie nicht mehr auf dem Beruf gearbeitet hat.» Schär kämpfte sich zurück auf die Beine und zurück in seinen Salon. Er trat nebenberuflich kürzer, startete beruflich dafür mit neu getankter Energie wieder durch. 

Wenn aus Kunden Freunde werden
«Es war eine wunderschöne Zeit und im Verlauf der 40 Jahre sind aus vielen Kunden Freunde geworden», so Schär. Er sei umso glücklicher, wenn er die teils tragischen Geschichten seiner Kunden gehört hat, die ihm viel anvertraut haben. «Da ist man neben Friseur auch Seelsorger», sagt er. Aber nicht nur Trauriges, auch Neuigkeiten hat er so meist aus erster Hand erfahren, wusste stets wenn jemand ein Haus sucht, wer eines zu verkaufen hatte und wenn jemand einen Handwerker brauchte, war sicher einer seiner Kunden der geeignete Mann. Schär hat somit nicht nur für die schicke Frisur, sondern auch für den Informationsaustausch im Dorf gesorgt. Nun feierte er Anfang Monat sein 40-Jahr-Jubiläum und ist somit der dienstälteste Geschäftsinhaber an der Bahnhofstrasse. Seit mehr als einem Jahr wäre er eigentlich pensioniert. Ans Aufhören denkt er aber noch nicht. «So lange es mir so gut geht und mir die Arbeit so viel Freude bereitet, mache ich weiter», sagt er. Und, er würde sich immer wieder für die Ausbildung zum Friseur und gegen die Kochlehre entscheiden.

Anfang November  feierte Coiffeur René Schär sein 40-Jahr- Jubiläum und wurde von Stadtpräsident Gabriel Macedo mit einem Besuch und einem kleinen Präsent  überrascht.
Anfang November feierte Coiffeur René Schär sein 40-Jahr-Jubiläum und wurde von Stadtpräsident Gabriel Macedo mit einem Besuch und einem kleinen Präsent überrascht. (Bild: tas)