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Ein Kunstwerk für die Amriswiler Schmetterlingskinder

19. November 2020
Föten, die vor der 22. Schwangerschaftswoche oder mit weniger als 500 Gramm totgeboren werden, erhalten auf dem Amriswiler Friedhof künftig eine Gedenkstätte. Gestaltet wird diese von Cornel Hutter.

Es muss mit das schlimmste Schicksal sein, das eine Familie treffen kann. Das lange gewünschte und freudig erwartete Baby stirbt noch im Bauch der Mutter. Geboren wird es trotzdem. Einen Namen hat es vielleicht auch schon. Es war das Kind eines Elternpaares, auch wenn es nicht einen Atemzug nehmen konnte, kein einziges Mal die Augen öffnete und nie den Finger seines Vaters umklammerte. Stirbt ein Baby vor der 22. Schwangerschaftswoche im Mutterleib und ist noch nicht schwerer als 500 Gramm, wird es als Sternenkind, Engelskind oder Schmetterlingskind bezeichnet. Und genau für solche Kinder entsteht auf dem Amriswiler Friedhof ein ganz spezielles Grab. Ein Kunstwerk, das sich über den beerdigten Föten erhebt, eine Stele mit 99 Schmetterlingen, die den Anschein machen, in Richtung Himmel aufzusteigen. Bisher gibt es in Amriswil für diese frühen Totgeburten keine spezielle Grabstätte. Eltern, die ihre Kinder beerdigen wollten, taten dies in einem Kindergrab. Nun steht für solche Bestattungen ein Gemeinschaftsgrab breit. Ein ganz spezielles Schmetterlingsgrab. 

Zeichen des unvergänglichen Lebens
Gestaltet wird das Kunstwerk dazu vom Amriswiler Steinbildhauer und Kunstgiesser Cornel Hutter. Er hat sich um den Auftrag für das Grab mit einem Modell (Siehe Bild rechts unten) beworben. Ob von Sternen-, Engels- oder eben Schmetterlingskindern gesprochen wird, war den Künstlern freigestellt. Hutter entschied sich für Letzteres. «Schmetterlingskinder finde ich von der Symbolfülle am kräftigsten im Umgang mit dem Thema Kindstod», sagt er. Es war das Symbol der Metamorphose, versinnbildlicht im Schmetterling, an die er dachte. Als Zeichen des unvergänglichen Lebens fand der Schmetterling auch Eingang in der christlichen Kunst. Und noch heute dient er als Symbol der Auferstehung. «Der Schmetterling symbolisiert dabei die von der Materie befreite Seele», erklärt der Künstler. So sollen die Schmetterlinge auf der Sandsteinskulptur die aufsteigenden, freien Seelen der viel zu früh verstorbenen Kinder zeigen. «Das Krafttier Schmetterling zeigt uns, dass wir einen Prozess des Wandels erleben – in dieser Phase ändern sich plötzlich unsere persönlichen Ansichten», sagt Hutter. Mit dieser Symbolik und einer Skizze überzeugte der Künstler und ist nun dabei, die letzten Schmetterlinge zu giessen, bevor die Sandsteinstele am Friedhof gesetzt und die Schmetterlinge an dieser angebracht werden können. Den Fuss des Kunstwerks wird Friedhofsgärtner Jörg Schweizer kreisförmig bepflanzen. Die Bepflanzung wird dann durch einen Kreis aus Pflastersteinen begrenzt. Ein Schmetterlingskind wird am Fusse der Stele unter den Blumen beerdigt und die Eltern können auf einem der Pflastersteine eine Bronzescheibe mit dem Namen und dem Sterbedatum ihres Kindes anbringen lassen. Die Steine bleiben für 15 Jahre beim Grab und können dann auf Wunsch der Eltern mit nach Hause genommen werden. 

Verlorener Wachs und gewonnene Schmetterlinge
Hergestellt werden die Schmetterlinge per Wachsausschmelzverfahren. Die wohl am meisten verbreitete Form des Kunstgiessens. Zuerst stellt Hutter dazu eine Negativform aus Silikon und Gips her. In dieser wird nun ein Wachspositiv gemacht. Danach wird das Einguss- und Entlüftungssystem angebracht. Nun wird eine feuerfeste Form aus Schamotte aufgebaut. Im Trocknungsofen wird die Form anschliessend bei ca. 700 Grad gebrannt, wobei das Wachs ausgeschmolzen wird. In den entstandenen Hohlraum kann dann das flüssige Metall vergossen werden. Da bei diesem Herstellungsprozess das «Wachsmodell» verloren geht, spricht man auch vom Verfahren mit dem verlorenen Modell. Der französische Begriff «à cire perdu» sowie der Englische «lost wax method» beschreiben das «verlorene Wachs» konkret. 

Zwei Berufe unter einem Dach
Cornel Hutter ist Steinbildhauer und Kunstgiesser. Bereits während seiner Berufslehre als Steinbildhauer bei Hansjörg Hemmi in Bischofszell kam Hutter das erste Mal mit dem Kunstgiessen in Kontakt. Vor mehr als 20 Jahren wagte er dann den Schritt in die Selbstständigkeit als Steinbildhauer. Nebenbei wirkte er aber in der Kunstgiesserei Zollinger in Bischofszell weiter, die er vor 10 Jahren schliesslich auch übernehmen konnte. Nachdem vor acht Jahren die Liegenschaft an der Romanshornerstrasse in Amriswil gekauft werden konnte, vereinte Hutter seine Steinbildhauer- und Giesserwerkstätten unter einem Dach. 

Einen würdigen Ort
Die Bezeichnung Schmetterlingskinder richtet den Fokus auf das verstorbene Kind im Gegensatz zu Begriffen wie Fehlgeburt und Totgeburt. Mit dem neuen Schmetterlingskindergrab schafft der Amriswiler Stadtrat einen würdigen Ort, wo Eltern ihre Kinder beerdigen und um sie trauern können. Die Einweihung der Schmetterlingskindergrabstätte findet am Freitag, 27. November 2020 statt. Nähere Informationen zur Einweihung können wegen den Corona-Massnahmen erst nächste Woche bekannt gegeben werden. Diese finden Sie dann in der nächsten amriswil.info-Ausgabe.

Künstler Cornel Hutter beim Herstellen eines Wachspositives für  einen der 99  Schmetterlinge.
Künstler Cornel Hutter beim Herstellen eines Wachspositives für einen der 99 Schmetterlinge. (Bild: tas)